BesucherInnenzentrum Memorium Nürnberger Prozesse 1

BesucherInnenzentrum Memorium Nürnberger Prozesse Nürnberg

Städtebau / Außenraum

Als zentraler Ort der deutschen Geschichte und der Entwicklung des Völkerrechts ist der Ostflügel des Nürnberger Justiz­palastes mit dem Saal 600, in dem der Nürnberger Prozess stattfand, historisches Monument und Museum gleichzeitig. Dennoch ist dieses so wichtige Gebäude, obwohl ein repräsentativer Bau des Historismus, innerhalb der heterogenen Nach­kriegsbebauung städtebaulich viel zu wenig präsent, insbesondere zur zentralen Achse der Fürther Straße.

Unser Entwurf des neuen Besucherzentrums setzt diesen zentralen Ort wieder als Mittel- und Zielpunkt der unmittelbaren städtebaulichen Umgebung ein: Die in der Hauptfassade nach Süden mit ihren dominanten Mittelrisaliten angelegte Sym­metrie wird auf dem neu entstehenden "Platz der Nürnberger Prozesse" fortgesetzt und erweitert, Gebäude und Vorplatz erhalten wieder einen gebührenden Auftritt im öffentlichen Raum.

Bezugspunkt für den Neubau des Besucherzentrums sind die markanten Natursteinmauern, die den Justizpalast umgeben und den Vorplatz auf der West- und Nordseite abschließen. Ihnen wird als Gegenüber das Dach des Besucherzentrums entgegengestellt, das sich über dessen umlaufend verglasten Erdgeschoss als klarer Baukörper, aber auch als Pflanztrog für einen dichten Baumhain erstreckt.

So wird der Bestand und der historisch bedeutende Blick auf dessen Südfassade symmetrisch gerahmt: auf der einen Seite die Bestandsmauer mit dem neuen Justizgarten, der im Rückgriff auf den historischen Zustand und den damals vorhan­denen Baumbestand geplant ist, auf der anderen Seite das Besucherzentrum mit seinem herausgehobenen raumbildenden Baumhain, der gleichzeitig den heterogenen Stadtblock im Osten abschließt.

Das eigentliche Besucherzentrum mit Foyer, Sonderausstellungsfläche und Seminarbereich liegt als unterirdischer Baukör­per unter dem neu entstehenden Vorplatz und respektiert die städtebauliche und inhaltliche Dominanz des Bestandsbaus. Zur Stadt präsentiert sich das Besucherzentrum nur mit seinem Eingangsbaukörper, einer rundherum verglasten Fläche un­terhalb des massiven Daches mit seinem schwebenden Baumhain. Dieser verweist als gleichsam emporgehobene Stadto­berfläche auf den darunterliegenden unterirdischen Raum, ist weniger klassischer Stadtbaukörper als plastisch gewordenes landschaftsarchitektonisches Element. Das Gebäude öffnet so die Ebene der Stadt in die dritte Dimension, das Betreten des Besucherzentrums wird zum Abtauchen unter die Oberfläche, in den Raum von Geschichte und Vergangenheit.

Der schwebende Baumhain verweist darüber hinaus als mehrdeutiges Symbol auf einen Ort größerer Gleichheit und Gerech­tigkeit. Unzugänglich für den Besucher stellt er die Sehnsucht nach einer freieren und friedlicheren Weltordnung dar, die das Ziel des Nürnberger Prozesses und des Völkerrechts ist.

Von der Fürther Straße aus nähert sich der Besucher dem Gebäude zunächst über den Vorplatz und nimmt den Ostflügel des Justizpalastes so im städtischen Kontext wahr. Südlich des Tiefhofes betritt er das verglaste Erdgeschoss und wird zu der großen Haupttreppe in einer offenen Lichtfuge zwischen Neubau und umgebender Stadt geleitet, auf der er das unterir­dische Hauptgeschoss betritt. Hier öffnet sich durch ein frontales Panoramafenster der Blick in den nördlichen Lichthof und den dahinter liegenden Bestandsbau. Parallel zu diesem Fenster mit Blick auf den Ostflügel gelangt der Besucher über eine zweite Treppenanlage in den eingezäunten Vorbereich des Ostflügels und zum historischen Eingang. Der Weg des Besuchers beschreibt so eine allmähliche Annäherung an den Saal 600, wobei der Bestand aus unterschied­lichen Perspektiven, immer aber als Zielpunkt des Weges wahrgenommen wird.

Organisation

Das Untergeschoss erstreckt sich um das zentrale Foyer mit seinen zwei Treppenanlagen: Der nördliche Bereich um das Foyer nimmt die öffentlichen Nutzungen auf: Getrennt durch den eingestellten Körper des Kassenbereiches kann die Sonderausstellung besucht werden. Die zweiläufige Treppenanlage erlaubt ein Erreichen des Be­standes aus der Sonderausstellung, aber auch direkt aus dem Foyer heraus. Der Bereich verweist in seiner symmetrischen Anordnung auf den nördlich anschließenden Bestand als Ziel des Besuches. Südlich schließt sich, an den zentralen Lichthof angelagert, der Seminarbereich an, der mit der Sonderausstellungsfläche verbunden werden kann. So kann maximale Flexibilität innerhalb einer klaren Anordnung verwirklicht werden, um den kom­plexen Erfordernissen des Besucherzentrums gerecht zu werden. Jenseits des Lichthofes liegen die internen Flächen der Bibliothek und der Büros abgewandt vom allgemeinen Besucherver­kehr.

Nutzungsszenario Sonderausstellung: Foyer und Sonderausstellung als Einheit, der Besucher betritt aus dem Foyer zunächst die Sonderausstellung und gelangt aus dieser heraus über die Treppenanlage zum Bestand. Die Bezahlgrenze ist südlich des Kassen­blockes. Die Seminarräume werden vom gemeinsamen Foyer von Seminar und Sonderausstellung aus erschlossen.

Nutzungsszenario erweiterter Seminarbereich: Der Raum Sonderausstellung wird für Kongresse oder andere große Veranstaltungen dem Seminarbereich zugeschaltet. Alle Räume werden direkt vom gemein­samen Foyer aus erschlossen. Die Treppenanlage zum Bestand wird direkt aus dem Foyer erreicht. Die Bezahlgrenze ist nördlich des Kas­senblockes.

Materialität

Klarheit und Eindeutigkeit von Konstruktion und Ausbau und die Reduktion auf wenige Materialien prägen den Neubau und verweisen auf die Transparenz und Klarheit des juristischen Prozesses. Der Naturstein des Bestandes wird in durchgefärbtem Sichtbeton im gleichen Farbspektrum ergänzt, der historischen Mau­er ein modernes Gegenstück geschaffen. Besucherzentrum und Justizpalast schließen sich zum Ensemble. Als zweites Material ergänzt im Innenraum dunkel gebeiztes Buchenholz als Reminiszenz an die Holzvertäfelungen und die Holzdecke des Saales 600 die Betonflächen. Insbesondere die plastisch V-förmigen Holzpaneele der Abhangdecke zwischen den Un­terzügen nehmen Bezug auf die schwere gründerzeitliche Holzdecke. So leitet die Materialwahl des Neubaus zum Bestand und insbesondere dem Saal 600 über.

Haustechnik / Energetik

Der überwiegende Teil des Baukörpers ist, dem städtebaulichen und funktionalen Konzept folgend unterirdisch. Er ist, so­weit möglich, aus Recyclingbeton erstellt. Um Beton- und Stahlmasse zu sparen, werden die Innenwände in Stützen aufge­löst und die Decken mit Unterzügen verstärkt. So ist auch in den weitgespannten Bereichen eine Deckenstärke von 200mm ausreichend. Innenwände werden als Leichtbauwände in Holz oder Trockenbau recyclierbar ausgeführt. Fensterflächen sind auf den Tiefhof und das Erdgeschoss beschränkt. Durch die hochwärmegedämmten Decken und das umgebende Erdreich können Wärmeverluste auf ein Minimum reduziert und der sommerliche Wärmeschutz optimiert werden. Die Flächen wer­den, mit Ausnahme des Büro- und Bibliotheksbereiches, die natürlich belüftet werden, mit Wärmerückgewinnung geregelt belüftet. Alle Ausbauelemente sind im Sinne des cradle-to cradle-Prinzipes ausbaubar und mit erneuerbaren Rohstoffen erstellt. Es wird besonderes Augenmerk auf schadstoffreie Bauprodukte gelegt. Zur Wärmegewinnung wird Geothermie genützt, für das Brauchwasser wird eine Regenwasserzisterne angelegt.

Außenraum

Als Ausgleich zu der derzeit sehr hohen Flächenversiegelung im Umfeld des Justizzentrum wird der Außenraum durch die großen Baumpflanzungen des Justizgartens und des schwebendes Baumhaines auf dem Besucherzentrum bestimmt. Aber auch der zentrale "Platz der Nürnberger Prozesse" ist durch einzelne Grünbereiche mit Strauchpflanzungen entsiegelt und verschattet. Im einzelnen unterscheidet sich der Freiraum in drei klar unterschiedene Bereiche:

Der Justizgarten: Nach Rückbau der Parkplätze im Umfeld des Justizzentrums entsteht der parkartige Justizgarten, der auch der Öffent­lichkeit zugänglich ist. Große Grünflächen mit dichtem Baumbestand erzeugen eine parkartige Stimmung, ein organisch geschwungener Fußweg mit begleitenden Holzdecks zum Aufenthalt durchzieht das Grün.

Der neue Platz der Nürnberger Prozesse: Zentrum und öffentlichster Raum der Freiflächen ist der neu entstehende Platz der Nürnberger Prozesse. Er stellt als Vorbe­reich des Ostflügels das historische Bild des Justizzentrums wieder her. Zugleich ist er mit dem Außenbereich des Bistros und den gehölzbestandenen Pflanzinseln ein attraktiver Stadtplatz. Lange, von Sträuchern beschattete Bänke neben kleinen Grünflächen bilden geschützte Binnenräume auf dem Platz und laden zum Aufenthalt ein. Der Platz wird durch den Tiefhof in einen südlichen Vorbereich des Besucherzentrums an der Fürther Straße und einen nördlichen ruhigeren Aufenthaltsbe­reich gegliedert.

Der schwebende Baumhain: Mehrdeutig zwischen Architektur und Freiraum changierend, flankiert er den Platz an der Ostseite und spendet Schatten und Luft. Ergänzt wird er durch eine dichte Fassadenbegrünung der Brandwand des Gebäudes Fürther Straße 102. Er erhöht nicht nur den Baumanteil auf den Freiflächen, sondern bietet auch eine grüne Wand für die Nachbargrundstücke und erhöht die Aufenthaltsqualität in deren Innenhöfen.

Visualisierungen: grauwald studio Gesellschaft für Architektur und Bild

Modellbau: Architekturmodellbau Gutenberg

Auslober
Stadt Nürnberg
Wettbewerbsart
Offener Wettbewerb
Bearbeitungszeit
2022
Würdigung
1. Preis
In Zusammenarbeit
Benter Architektur GmbH